Stadtrevue Musik, 12/2019: Feine Ironie ist sein Ding

Eamon Hamill und sein Kölner Label Strategic Tape Reserve verhelfen den Magnetbändern zum Comeback

[Artikel für das Kölner Magazin Stadtrevue – hier gibt’s die komplette Ausgabe, digital oder gedruckt.]

Was haben analoge Kompaktkassetten und Netzmusik miteinander zu tun? Nun, der Online-Musikdienst Bandcamp verzeichnete im Jahr 2016 erstmalig einen Anstieg der Tape-Verkäufe um zirka 50 Prozent. Zahlreiche, auf Tapes spezialisierte, unabhängige Labels nutzen diese Plattform mittlerweile für den Vertrieb.

Musikliebhaberinnen und –liebhaber dieses speziellen Formats gibt es also nach wie vor, und neben der so schön rauschenden Kassette und dem hübschen Cover ist die Musik zum Download oder Streamen verfügbar. Es handelt sich heute offenbar nicht mehr nur um Menschen, die mit der Kassette aufwuchsen oder gar um Nostalgiker:

„Ich habe viele Leute so um die 20 getroffen, die heute Tapes kaufen oder veröffentlichen, und die Achtziger schätzungsweise nicht kennen“, erzählt mir Eamon Hamill, dessen Label Strategic Tape Reserve Anlass für diese neue Episode der Netzmusik ist.

Am Arbeitsplatz: Eamon Hamill, CEO, Strategic Tape Reserve. Bild: STR.

„Das Tape ist als Medium für Musik total unpraktisch und definitiv nichts, womit man heutzutage noch jemanden auffallen ließe. Auf Tapelabels findet man eher eine Menge besonders ungewöhnliche Musik, vieles, was sich nicht leicht einordnen lässt. Ich denke also, dass viele Tape-Käufer genau das suchen und auch weniger Mainstream mögen.“

Trotz der wieder steigenden Popularität sind Tapes nach wie vor eine Nische, bestätigt Hamill: „Ich denke, fast alle Tapelabels heute werden von Leuten betrieben, die das ausschließlich aus Liebe zur Musik tun – das Herausbringen eines Tapes ist ziemlich billig, besonders im Vergleich zu Vinyl. Strategic Tape Reserve ist sehr DIY – ich mache den größten Teil des Designs, das Überspielen etc. selbst, dadurch komme ich auch recht schnell in bescheidene schwarze Zahlen.“

Es brauchte übrigens ein wenig Zeit, bis ich das Label und seinen schrägen Humor verstand: Kryptische Botschaften in Tweets und Blogposts, merkwürdige Videos und Bilder auf Youtube und Instagram. Wie passt das zur veröffentlichten, durchweg differenzierten Musik, die von seltsamer, leiernder Elektronik über Noise und Improvisation bis zu Elektroakustischem und selten gehörten Klängen reicht?

Hamill verschleiert das gesamte Erscheinungsbild seines Labels. Es kommt wie ein konservatives, etwas zwielichtiges, bürokratisches Etwas mit verschroben-unternehmerischem Anspruch daher. Dass Hamill dabei die häufig professionell-zeitgemäße PR-Sprache anderer Labels oder gar der Musikindustrie so charmant wie respektvoll karikiert, erschließt sich (zumindest mir) erst ein wenig später.  

„In Sachen Verpackung, Liner Notes, Konzept und Kommunikation glaube ich, dass STR einen eigenen Stil hat. Für mich ist es sehr wichtig, dass sich das Label nicht wie ein Job anfühlt – ich habe bereits einen. Ich versuche also, etwas Spaß damit zu haben. Insofern neigt das Label dazu, zu allem einen stilisierten, strengen, wortreichen, etwas finsteren Ton zu haben. Wenn ich das alles professioneller und  ernsthafter machen müsste, würde mir das ziemlich schwer fallen“, sagt der aus Hoboken, New Jersey stammende und hier in Köln lebende Labelbetreiber.

ShopLand World: Music for a Discovery Park of Miniature Supermarkets (Sampler, Strategic Tape Reserve, 2019). Bild: STR.

Feine Ironie ist sein Ding: Es sei ziemlich schwierig, in jeder Stadt so um die 50 Leute zu finden, die sich für schräge elektronische Musik interessieren, die auf einem obsoleten Lo-Fi-Medium veröffentlicht wird, sagt er.

Dennoch ist die Nachfrage so groß, dass er die Tapes seiner internationalen Künstler in die USA, nach Großbritannien und in ganz Europa verschickt – natürlich auch in Deutschland selbst. Bandcamp, Blogs und natürlich Soziale Medien sind für Tapelabels zentrale Plattformen, und in der Szene unterstütze man sich gegenseitig: „Meiner Erfahrung nach sind viele der anderen Menschen, die Musik auf Kassette veröffentlichen, sehr offen und hilfreich. Die Ansprüche sind so gering und es geht um so wenig Geld, dass da nicht viel Platz für Wettbewerb oder Ego ist“, konstatiert Eamon Hamill.

Gestartet hat er das Label im Jahr 2013 um die Musik von Freunden und seine eigene herauszubringen – Hamill performt als VLK und zollt hier Plunderphonic-Künstern wie People Like Us großen Respekt, als Emerging Industries of Wuppertal ist er stark beeinflusst von Krautrock und New Wave.

Als VLK performte er bereits mit dem Kölner Ambient Noise-Produzent, Synth-Frickler und Youtuber The Tuesday Night Machines auf dem Platine-Festival 2015. Dessen neues Album Roof Tent Rhythms erscheint am 29. November 2019 auf Strategic Tape Reserve.

„Es ist ein Beat-Tape, das er während einer Europareise mit einem batteriebetriebenen Sampler in einem Zelt auf dem Dach seines Autos aufnahm, und das Tape wird in Zeltplane verpackt sein“, erklärt Hamill. Ich konnte es schon hören: Eingängig und doch schräges Zeugs, das zu hören sich lohnt, sicher nicht nur wegen des Tapeformats und der Verpackung.

Wirklich wahr: Roof Tent Rhythms. Bild: The Tuesday Night Machines.

Abschließend interessiert mich noch, warum er alle Releases unter einer Creative Commons-Lizenz veröffentlicht: „Offen gesagt ist das etwas, worüber ich nicht so viel nachgedacht habe und besser informiert sein sollte. Aber so wie ich es verstehe, stimmt CC mit meinen persönlichen Ansichten überein.“

Bei aller fiesen Tape-Bürokratie ist der CEO der Strategic Tape Reserve offensichtlicht doch sehr pragmatisch.

Nachtrag

Fiel mir erst nach Redaktionsschluss der Print-Ausgabe auf: Der vor kurzem gesignte STR-Künstler “Severino Pfifferling” sieht Eamon Hamill verdächtig ähnlich, oder? Der kommentiert auf Nachfrage: “Wir haben denselben Friseur ;-)”

Das ungekürzte Interview mit Eamon Hamill

How do you see the tape scene these days? Is it still emergent – or already saturated?

Releasing music on tape definitely isn’t a novelty that will get someone noticed these days. But I wouldn’t use the word “saturated”, as I’m always happy to see more interesting music being released on tape. I think there is a lot of particularly unusual and out-there music that’s getting released on cassette – lots of music that doesn’t easily fit into typical genre classification – which is a good thing. I think, for one reason or another, a lot of people who are into buying tapes are also into less mainstream sounds. As a medium, it’s inconvenient. For both artists and listeners, something like Spotify is so much more practical. This is a bit reductive, but I think it’s possible that listeners who are willing to put up with the awkwardness of cassettes might also be more willing to make an effort with new, different kinds of music. Maybe?

How do you see STR in context of the global tape scene? How well is the global tape scene connected? Could you name some blogs worth reading?

It’s such a niche thing that it only makes sense in a global context. I think trying to find 50 people in most cities who want to listen to strange electronic music on some lo-fi, obsolete medium would be pretty challenging, at least for me. We sell some tapes in Germany, but more to the US, UK and around Europe. STR has released music by artists from the US, Russia, South Korea, Finland and many other countries.

I think it is pretty well connected, with Bandcamp, blogs and, of course, social media as hubs. In my experience, a lot of the other people involved in releasing music on tapes are open and supportive. At least in part because the stakes are so low, because so little money is involved, there’s not much sense of competition or ego.


In the context of the global tape scene, I hope we are seen as releasing good, sometimes strange, interesting music in strange and interesting ways, but of course this is hard for me to impartially judge.


In terms of packaging, liner notes, concepts and communication, I think that STR has a pretty unique style. For me it’s very important that running the label doesn’t feel like a job – I already have a job. So I try to have some fun with it.

As I think you’ve seen in the “What is STR” video, there tends to be a stylized stern, wordy, slightly-sinister tone to everything, just because it amuses me. If I had to write all album descriptions in a more standard, professional style, writing seriously about where people studied music and that kind of thing, I would find it pretty hard. And then what’s the point? But in general I think a lot of tape labels are doing really creative and unique things in terms of their presentation.

Some places where I read about cassette releases are:

The Spool’s Out column in the Quietus https://thequietus.com/features/spool-s-out
Tabs Out http://www.tabsout.com/
Cassette Gods http://cassettegods.blogspot.com/


Other good sites which cover cassettes alongside non-tape releases are:


Tiny Mix Tapes https://www.tinymixtapes.com/
Bandcamp Daily https://daily.bandcamp.com/

Any more connections with the German or even regional experimental/electronic/tape label or artists scene – except for the now Tuesday Night Machines release on 29 November?

The Modern Door is a collective of people mostly based in Hannover and Berlin. In mid-2020 we’re going to release a tape by an artist called Black Robert, who is in Göttingen and has a kind of pastoral Kosmische-influenced style. There are a few other people in Cologne I’ve met who’ve been releasing really excellent tapes with other labels, but we haven’t done anything together until now.

Did Cologne media, um, notice it is home to Strategic Tape Reserve? Or is Stadtrevue the first german mag to take note?

Yes, I think you are the first. Thanks! I keep hoping Express will get in touch for an extravagant lifestyle photoshoot, but no luck yet ; ).

I read that you were part of the platine festival a while ago … any future live appearances of VLK/Emerging Industries planned?

Yes, the Tuesday Night Machines and I did a live set at Platine a few years back which was lots of fun. That’s the only event I’ve played in Cologne so far. I’d been playing 2 or 3 shows in different parts of Germany for the last several years, but there’s nothing lined up at the moment. This year I’ve spent a lot more of my time on the label, releasing 9 tapes in 2019, which is the most so far. But I’m hoping to have the time and opportunities to play more shows in the future as I really enjoy it and, additionally, it’s energizing and requires you to think about the music in a very different way from producing music or releasing tapes.

Doesn’t Remember​.​.​. by Whettman Chelmets (Strategic Tape Reserve, 2019)

The Soundtrack to the What is STR video – yours?

Yes, it is. Some of that is edited tracks from the first Emerging Industries release and some was made just for the video.

Your influences and inspiration as a musician?

The most honest answer is ‘everything’, but that’s not really a useful answer and sounds a bit silly. The VLK releases are indebted to the plunderphonic artists (eg People Like Us, Evolution Control Committee), altering the ideas behind existing music, and trying to create a playful narrative with sampling. I think the Emerging Industries of Wuppertal project came out of listening to a lot late-70s / early-80s music that fell in between krautrock and new wave – things like MONOTON, Esplendor Geométrico, DAF. EIW doesn’t actually sound like any of that, but that’s where it started. But really, I try to listen to a lot of different kinds of music, even types of music that I don’t actually like, and it’s likely that a little bit of all of that filters into my own stuff.

Speaking about your own music … did you originally start the label to release your own music?

Yes, pretty much. My own and a few friends.

The first STR release is not available on Bandcamp – is it still available?

It’s not. This was released before I was selling cassettes and mp3s on Bandcamp – just selling them at occasional shows. I don’t have any tapes left and the digital files were lost in a hard drive failure. I’ve improved my archiving system since then. So it might exist somewhere, but I don’t have it.

I didn‘t check all releases, but it seems that most are under one of the Creative Commons licence – why‘s that?

It’s honestly not something that I’m as informed about as I probably should be. I actually haven’t given it too much thought. From my basic understanding, CC seems more aligned with my personal views.

How is it these days to run a small label for experimental electronic music? Is the ROI (to use the language of SRT 😉 rather a mix of joy, passion, enriching culture and do you at least break even?

Yeah, as I mentioned, it’s a very niche market, to the extent that speaking about it in business terms doesn’t really make sense. I think most (or probably all) tape labels are run by people who are doing it exclusively a as a labor of love. That said, putting out a cassette release is pretty cheap, especially compared with something like vinyl. Also STR is a very DIY operation – I do most of the design, dubbing, etc, and you can very easily pay hundreds to a PR agent to try to get a bit of extra press coverage, which of course we don’t have the budget for. So my point is that because not so much is spent, it’s relatively easy to break even. But the amounts of money we’re talking about is very small and if you factor in all the work hours that go into it, it’s definitely not the greatest business model. The only reasons to do it are basically what you mentioned, passion for the music and as a creative outlet – using the label as a way to express some ideas.

New (single) track featuring sounds from ESA’s ExoMars rover

Sounds from the ExoMars rover

It’s been a while since my last release. Meanwhile I devised and implemented a human exploration mission communication campaign (with one of my personal highlights being this concert with Kraftwerk -> read more: 1 2) and also found the time to record new music. While I’m continuing to record more elaborate material for a new album, I’ve just finished this new track, recorded on the go.

It makes quite extensive use of a set of sounds Peter Kirn and I recorded at ESA ESTEC in 2015 – well, actually it was me opening doors while Peter did the recording. Anyway, these sounds stem from a model of the ExoMars Rover being tested in ESA’s ‘Mars Yard’. More info here, including the set of sounds, all free to use for your own creative endeavours.

Peter Kirn recording the ExoMars testing rover disembarking the surface platform. Image: ESA/M. Trovatello, CC BY-SA 3.0 IGO

Production notes:

Arranged on an iPad Pro running on iOS 12 with Garageband and the following AUv3 instruments:

Why am I doing this? First, I love making music and it’s fun. Second, there must be a way to produce more music inspired by space exploration that is free of clichés. There is quite some, but unfortunately still far too little.

Some examples:

Have fun listening and imagining the rover taking its first drive on the red planet … Yes, I know that I now sound clichéd myself : )